Jan 112012
 

London ist cool, Oberhausen … naja. Ist nicht ganz einfach, Gemeinsamkeiten zu finden. Und doch gibt es zumindest eine: In beiden Städten fand ein Workshop des Wikipedia Support-Teams statt.

Was macht ein Leser, wenn er einen Fehler in einem Wikipedia-Artikel findet, sich über die Darstellung seiner eigenen Person oder seines Unternehmens beschweren möchte oder sich über die Verspätung seines letzten Flugs nach Madrid beschweren möchte? Manche finden den „Bearbeiten„-Link, die „Fragen zur Wikipedia“ oder die Hotline der Fluggesellschaft. Andere sind geduldiger und suchen in den Weiten der Wikipedia, bis sie irgendwann (und die aufzubringenden Mühen sind beträchtlich) den Hinweis auf eine Mail-Adresse finden, an die sie sich wenden können. Und dann? Dann liegt es in der Hand einer Gruppe engagierter und erfahrener Wikipedianer, wie es weiter geht. Sie beantworten die eingehenden Mails, Hinweise und Beschwerden. Und sie tun das freiwillig und unentgeltlich neben dem, was sie sonst noch in oder für die Wikipedia machen.

Seit 2008 trifft sich das deutschsprachige Team ein- bis zweimal im Jahr zu Workshops, bespricht allgemeine Vorgehensweisen, aktuelle Probleme, und wird durch externe Referenten in speziellen Fragen, zum Beispiel zum Persönlichkeitsrecht oder zu den Besonderheiten schriftlicher Kommunikation unterstützt.

Jeder, der eine Mail an Wikipedia schreibt, nimmt die Antwort als Antwort von Wikipedia auf. Es interessiert ihn nicht, wer die Antwort schreibt, ob er damit seinen Lebensunterhalt verdient oder ob er das in seiner Freizeit macht. Damit wird das Support-Team zur Stimme der Wikipedia. Das Team ist eine der wichtigsten Schnittstellen zwischen der Wikipedia und ihren Lesern und es will dieser Erwartung nicht nur genügen, sondern sie bestmöglich erfüllen. Und darum sind diese Treffen sind wichtig. Und doch wurden sie bislang nur in Deutschland durchgeführt. Über den letzten Workshop berichtete ich auch auf internationalen Kanälen und Wikimedia UK griff die Idee flugs auf und organisierte einen Workshop in London.

Und ganz wie in Oberhausen gab es zentrale Diskussionspunkte, die Schwerpunkte erkennen ließen, Problemfelder und Bedürfnisse. Dazu zählen dringend benötigte Anpassungen oder Updates der genutzten Software (OTRS), die Einarbeitung neuer Teammitglieder, Burn-Outs, die Beziehung zur Community aber auch Training und Qualitätssicherung. Alles Punkte, die auch im deutschsprachigen Taem diskutiert wurden. Die etwa 15 Anwesenden diskutierten, debattierten, argwöhnten und formulierten Wünsche, sehr ernsthaft, sehr konzentriert. Beeindruckend. Und sie beendeten den Workshop hochmotiviert und voller Ideen.

Die Arbeitsbedingungen sind gleich, die Probleme sind ähnlich, die Bedürfnisse ebenfalls. Lässt sich daraus ein Workshop-Modell entwickeln, das diese positiven Erfahrungen auf andere Länder und Wikipedien übertragen kann? Ich glaube nicht. Die aktiven Mitarbeiter der englischsprachigen Wikipedia sind ebenso wir deren Support-Team-Mitglieder über die ganze Welt verstreut. Aber auch kleinere Projekte teilen dieses Problem. Es ist kaum möglich, diese Menschen zu einem zweitägigen Workshop zusammenzubringen. Einen Teil der Anforderungen, vor allem, wenn es um Grundlagenwissen, how-tos und Mentoring geht, könnte mit anderen Angeboten abgedeckt werden. Unabhängig von Sprache, Geographie und der Notwendigkeit des persönlichen Treffens. Virtueller Lernumgebungen und virtueller Meetings werden von Unternehmen sowohl im Kundenkontakt aber auch für die interne Kommunikation eingesetzt. Webcasts, Screencasts und Kontext-sensitive Hilfefunktionen könnten auch im Wikimedia-Umfeld gute Dienste leisten. Obwohl es bereits erste Versuche aus unterschiedlichen Richtungen gab (z.B. [1] [2]), wird etwas ähnliches weder in der Wikipedia noch beim Support-Team eingesetzt. Die Prioritäten der Wikimedia Foundation liegen derzeit woanders, aber ich denke auf lange Sicht, dass ergänzende Möglichkeiten der Wissensvermittlung in Wikimedia-Projekten eingesetzt müssen. Für Leser und für die aktiven Freiwilligen, besonders für das Support-Team.

Jan 012012
 

Hier also die zweite Jahreshälfte:

Juli

Der Monat, den ich am liebsten auslassen möchte, der schwierigste im letzten Jahr.

Mehrere Funktionen zu übernehmen, heißt auch, mit unterschiedlichen Rollen zurecht kommen müssen. Das gilt auch für Schatzmeister, die Vorsitzende im CPB-Ausschuss sind. Wenn die einzige Schnittstelle zwischen zwei Gremien nicht beide Seiten informiert, kommt es nicht nur zu Informations- sondern auch zu Vertrauensverlust. Die Informationsdefizite durch den Zugriff zum Wiki des Ausschusses zu beheben, war keine gute Idee, aber aus der Situation heraus eine nachvollziehbare Entscheidung. Was folgte war fürchterlich. Rücktritte aus dem Ausschuss, seitenlange Diskussionen mit Generalvorwürfen, die das ursächliche Problem noch nicht einmal anrissen, Telefonkonferenzen und nachvollziehbarer Unmut und Irritation auf Seiten der Mitglieder. Es gibt Situationen, die beschweren ein freiwillig und ehrenamtlich übernommenes Amt in einer Dimension, dass auch die Verpflichtung der Sache und dem Wähler gegenüber dahinter zurücktreten. Die Situation war unerträglich, sowohl in in der Community als auch im Vorstand und ich entschloss mich zum Rücktritt.

Die Foundation veröffentlichte ihren Finanzplan für das kommende Geschäftsjahr (Juli 2011-Juni 2012). Mehrausgaben sind vor allem in den Bereichen Personal (insbesondere Entwickler und IT-Profis), das Hosting und Autorenförderung in Indien und Brasilien geplant.

In der FAZ erschien ein Artikel über Einflussnahmen auf Wikipedia-Artikel im Sinne der Pharma-Industrie und Zusammenhängen mit Wiki-Watch. Der Artikel zog rechtliche Maßnahmen nach sich, wurde aus dem Online-Angebot entfernt und blieb auch in der Wikipedia nicht ohne Nachhall.

Communicating the Museum“ war eine Konferenz  in Düsseldorf mit Beteiligung etlicher Wikimedianer, die auf nationaler und internationaler Ebener die GLAM-Idee bekannter machen möchten und nach möglichen Kooperationen und Austausch suchten.

August

Der Monat begann mit der Wikimania in Haifa. Sehr gut organisiert, eine Reihe sehr interessanter Vorträge, viel Austausch. Mein eigener Workshop zum Support-Team Samstags morgens um 9:00 – da schlafen andere Menschen noch – war dann doch überraschend gut besucht. Viele Gespräche mit Vertretern von kleinen und großen Chaptern drehten sich um Fragen der Finanzierung der Projekte und der Unterstützung der Chapter – bei ihren Ideen aber auch bei der Vertretung ihrer Interessen. Erst Recht, nachdem das Board nach seinem Treffen einen Brief veröffentlichte, in dem deutlich gemacht wurde, dass es Änderungen im bisherigen Fundraising-Modell geben wird, die die Chapter und bereits den kommenden Fundraiser direkt betreffen. Ein Thema, das das Wikimedia-Universum noch eine Weile beschäftigen wird.

Die Resolutionen und auch die Kurzzusammenfassungen der Treffen des Boards of Trustees sind schon lange öffentlich einsehbar, aber erst jetzt schien die deutsche Community zu bemerken, dass es da etwas gibt, das Einfluss auf „ihr“ Projekt nehmen kann. Die Foundation startete ein so genanntes Referendum, um die Meinung der Community zu einem Bildfilter zu erfragen, der ermöglichen sollte, individuell Bilder nach Kategorien zu filtern und so kontroverse Inhalte auszublenden. Der Widerstand in der deutschsprachigen Community gegen die Vorgehensweise, gegen die Idee, gegen die Fremdbestimmung bildete sich schnell und führte zur Vorbereitung eines Meinungsbildes, dessen Diskussionsseite einen guten Überblick über die Emotionalität und die Leidenschaft der Beteiligten bietet.

September

Die WikiCon bietet vielen deutschsprachigen Community-Mitgliedern die Möglichkeit, sich während drei Tagen mit Vorträgen, Workshops, Kneipen-Quiz, Foto-Exkursion und vielem mehr endlich mal wieder oder überhaupt mal zu treffen. Bemerkenswert die Podiumsdiskussion zum Bildfilter, auf der die heiß geführte Debatte auch sehr deutlichen Äußerungen gegen Ting Chen beinhaltete. Admin-Themen im weiteren Sinne wurden auf der Veranstaltung von mir und von Henriette in Beiträgen zum Programm angesprochen. Die Idee eines Admin-Treffens führte danach in der Community zu konträren Meinungen. Noch scheint der einsame Admin, der sich selbst in die gelebte Auslegungspraxis ungeschriebener Regeln einlesen muss und seine Entscheidungen einsam und ohne Rücksprache hält, eher dem Idealbild zu entsprechen, aber es gibt auch eine Reihe von Interessenten.

Pavel Richter und Sebastian Moleski zogen in fünf Tagen durch fünf Städte der Republik, um den Wirtschaftsplan von Wikimedia Deutschland vorzustellen und mit Interessierten zu diskutieren.

Die Foundation stellt den Entwurf für eine Neufassung der Nutzungsbedingungen vor und lädt zur Diskussion ein. Schwieriger Zeitpunkt, da die Bildfilter-Diskussion ebenfalls weiter läuft, nachdem die Ergebnisse des Referendums veröffentlicht wurden.

Angeregt von Mitgliedern und gemeinschaftlich umgesetzt wurde die erste Ausgabe der Wikimedia-Woche veröffentlicht, mit der Wikimedia Deutschland mit Interessierten Informationen aus dem Wikimedia-Universum zusammenträgt und regelmäßig (mittlerweile auch in der Wikipedia) veröffentlicht.

Oktober

Im Oktober gab es wieder einen Workshop des Support-Teams. Zwei Tagen sehr intensiven Arbeitens mit dem Schwerpunkt auf Kommunikation, die sehr viel Spaß und viel Lust auf den nächsten Workshop machten.

Am Ende des Monats nahm ich an der Veranstaltung Building digital Commons in Barcelona teil, die im Rahmen des Free Culture Forums stattfand und deren Fokus nicht allein auf Wikipedia lag, sondern eine Vielzahl anderer Organisationen und Personen umschloss, die sich mit freien Inhalten und neuen Formen der Wissensvermittlung beschäftigen.

Für drei Tage machte die italienische Wikipedia aus Protest gegen einen Gesetzesentwurf dicht, der Aufruf der Wikipedia führt auf eine Erklärung, die eigentlichen Seiten waren nur über Umwege zu erreichen. Die Aktion warf die Frage auf, ob es vertretbar ist, für die Verteidigung Freien Wissen bereits generiertes Freies Wissen unzugänglich zu machen.

November

Eine Woche später folgte die eintägige Veranstaltung Wikimedia Conferentie in Utrecht, organisiert von Wikimedia Nederland. Beeindruckend, wie viele interessante und gut gemachte Vorträge man in einem Tag unterbringen kann.

Die Mitgliederversammlung von Wikimedia Deutschland bescherte dem Verein das erste Mal ein Präsidium, mit interessanten Menschen, sechs davon neu. Ein gutes Gefühl, und es sieht danach auch, dass sich die Arbeit des Gremiums im Vergleich zur ehemaligen Vorstandsarbeit der veränderten Situation angemessen positiv verändert. Klare Position und Beschluss der Mitgliederversammlung: Ein Bildfilter wird von Wikimedia Deutschland nicht unterstützt.

Überraschend und ein wenig enttäuschend fand ich, dass nach den vielen Diskussionen zum Bildfilter nur wenige Community-Mitglieder am Tag darauf den Weg nach Hannover gefunden haben, um mit Sue Gardner selbst zu sprechen. Ihr Vortrag, bei dem sie unter anderem herausstellte, dass es den Bildfilter in der bislang diskutierten Umsetzung nicht geben wird, wurde nur selten kommentiert.

Fellowhips, die Möglichkeit für eine befristete Zeit mit einem ganz konkreten Projekt für die Wikimedia Foundation zu arbeiten, gibt es seit 2010. Im November veröffentlichte die Foundation einen Aufruf, sich für 2012 zu bewerben. Themenschwerpunkt, wenig überraschen, soll Partizipation und Autorenbindung sein.

Dezember

Ruhig klingt das Jahr aus. Der europäische Foto-Wettbewerb „Wiki Loves Monuments“ endete mit einer Abschlussveranstaltung in Paris, auf der die Gesamtsieger ausgezeichnet vorgestellt und der französische Sieger ausgezeichnet wurden (vielen Dank an Raymond für den Hinweis). Die Jury legte einen interessanten Bericht dazu vor. Für den neu konzipierten Zedler-Preis für neues Wissen begannen die Wahlen für die Jury und ich kandidiere für die Kategorie  „Projekt des Jahres, extern“.

Geoff Brigham, Rechtsberater der Foundation, erläutert in einem Blogbeitrag die Bedeutung und Auswirkungen von SOPA und stellt sehr deutlich dar, dass das Gesetzesvorhaben große Gefahren für Freies Wissen und die Wikipedia birgt und dass die Entscheidung, ob und welche Protestmaßnahmen getroffen werden, durch die Community erfolgen muss.

Und ein Zückerchen obendrauf: Der erste Prototyp des visuellen Editors wurde vorgestellt und bekam überraschend positive Kritiken.

 

Das war’s in etwa aus meiner Sicht. Und so oder ähnlich geht es wohl auch weiter.