Feb 272014
 

Das war’s, hier kommt der Rest, Teil 5 von 5 mit Fragen zu meiner Vision für das Wikimedia-Universum.

(Ich möchte für eine weitere Amtszeit des Kuratoriums der Wikimedia Foundation kandidieren und brauche dazu die Unterstützung mindestens einer Wikimedia-Organisation. Das Präsidium von Wikimedia Deutschland bat mich zur Vorbereitung seiner Entscheidung um die Beantwortung von Fragen aus unterschiedlichen Themenkomplexen.)

Deine Vision für das Wikimedia Universum

Wie sähe ein Wikimedia-Organisationsmodell aus, das du zeichnen würdest, wenn du heute mit einem weißen Blatt Papier anfangen würdest?

Die jetzige Struktur hat sich aus sich selbst heraus entwickelt. Als 2004 Wikimedia Deutschland gegründet wurde, war ein Grund dafür ein nachvollziehbarer Gedanke: Den Spendern die Möglichkeit zu geben, ihre Spenden steuerlich absetzen zu können. Es folgten viele andere Organisation demselben Muster, auch wenn sie andere Zielrichtungen hatten, andere Bedarfen und andere Vorstellungen über das, was ihre Organisation eigentlich machen will und kann. Dennoch wurde lange auf immer die gleiche Organisationsform und Einbindung in das Wikiversum vertraut. Wird ein so enger Entwicklungsspielraum einer internationalen Organisation, deren Projekte von Freiwilligen geschaffen werden, überhaupt gerecht? Ich glaube nicht. Insofern begrüße ich, dass es seit 2012 auch für thematische Organisationen unabhängig von Landesgrenzen und für Benutzergruppen ohne formelle Organisation möglich ist, offiziell von der Wikimedia Foundation anerkannt zu werden und damit Rechte zu erhalten, die sie für ihre Arbeit brauchen. Ich glaube aber nicht, dass dieses Modell einer Organisationsstruktur bereits dasjenige ist, was unserem gemeinsamen Ziel, Freies Wissen zu sammeln und zu verbreiten in bester Weise dient, das Beste aus den Menschen und Organisationen in unserem Movement herausholt und ihnen dafür das Beste zurückgibt.

Was ich daher machen würde, wäre zunächst einmal, den Zeichenstift aus der Hand zu legen. Und dann würde ich viele Gespräche führen, mit meinen Kuraotiumskollegen, mit meinen Mitarbeitern in der Foundation, mit regionalen Organisationen und allen, die den Wunsch verspüren, Teil des Wikiversums zu sein. Sowas wie Chapters Dialogue (deshalb bin ich auch so neugierig auf die Ergebnisse). Und ich würde mir Analysten holen, die mir Zahlen beschaffen zu Geldflüssen, Effektivität und internationaler Abdeckung. Dazu Wissenschaftler und andere NGOs, mit denen ich unterschiedliche Organisationsmodelle und ihre Erfahrungen damit diskutieren würde. Soziologen, damit ich deren Erkenntnisse über Motivation von Ehrenamtlichen, speziell in unserem Projektumfeld, einbeziehen kann. Visionäre und Zukunftsforscher. Und sicher noch viele mehr. Und erst dann würde ich den Stift wieder in die Hand nehmen.

Wie sieht dein Idealbild des Wikimedia-Universums in 5 oder 10 Jahren aus?
  1. Es ist noch da - lebendig, sichtbar und vielfältig.
  2. Es ist ist flexibel, auf das Wohl der Wikimedia-Projekte ausgerichtet und von diesen geschätzt.
  3. Es weiß, an welchen Stellen es (vielleicht noch) einzigartig ist und an welchen Stellen es auf bewährte Rezepte von außerhalb des Wikiversums zurückgreifen kann.
  4. Es macht Spaß, sich darin zu engagieren.
  5. Es schätzt und vertraut auf alle Menschen, die darin werkeln, und ihren jeweiligen Beitrag.
Feb 262014
 

Fast fertig, hier kommt Teil 4 von 5 mit Fragen zur Rolle des Kuratoriums der Wikimedia Foundation.

(Ich möchte für eine weitere Amtszeit des Kuratoriums der Wikimedia Foundation kandidieren und brauche dazu die Unterstützung mindestens einer Wikimedia-Organisation. Das Präsidium von Wikimedia Deutschland bat mich zur Vorbereitung seiner Entscheidung um die Beantwortung von Fragen aus unterschiedlichen Themenkomplexen.)

Rolle des Board of Trustees

Welche Rolle spielt die Meinung der Chapter bei weitreichenden Entscheidungen des Boards, die nicht nur die WMF betreffen? Wie kann der Kommunikationsprozess hier verbessert werden?

Die Frage ist doch eher, welchen konkreten Einfluss die regionalen (und thematischen) Organisationen auf Entscheidungen des Kuratoriums ausüben möchten. Hierzu habe ich schon ganz unterschiedliche Überlegungen gehört, hin bis zur kompletten Entscheidungsübernahme durch Abstimmungen in der Community. Bei all dem müssen wir jedoch bestimmten rechtlichen Maßgaben folgen, in unserem Fall ist das Recht des Staates Florida und unseren grundsätzlichen Pflichten als Kuratorium nachkommen. Jedes Aufsichtsgremium muss zum Wohle der Organisation von Zeit zu Zeit Entscheidungen treffen, die nicht auf jubelnde Zustimmung stoßen oder die Community bzw. Mitglieder außen vor lassen. Das gilt für die WMF genauso wie für die regionalen Wikimedia-Organisationen.

Natürlich sollten diese Entscheidungen nicht ohne jeglichen Input der Betroffenen erfolgen. Das Kuratorium der WMF greift hierzu insbesondere auf die beratenden Komitees FDC und AffCom zurück. Vor allem bei den letzten Entscheidungen with regards to Movement Roles wurde deutlich, dass hier die Erwartungen und Wahrnehmungen auseinander klaffen und das zukünftig klarer und deutlicher kommuniziert werden muss, dass ein Kuratoriumsbeschluss zu einem bestimmten Thema ansteht. Grundsätzlich denke ich aber, dass das der richtige Weg ist und die Einbeziehung dieser Gremien die Beschlussgrundlagen des Kuratoriums effektiv bereichern kann.

Das bedeutet nicht, dass dieser Austausch nicht auch deutlich verbessert werden könnte. Ich kann mir zum Beispiel vorstellen, dass die Beratungsunterlagen, die das Kuratorium erhält, nicht nur dem Kuratorium sondern auch der Community früher zur Verfügung gestellt werden. Ob es dem Kuratorium in der Vorbereitungsphase einer Sitzung dann wirklich möglich ist, mit der Community über diese zu diskutieren, wäre einen Versuch wert. Es sollte aber die bereits jetzt sehr langen Entscheidungswege im Kuratorium nicht noch weiter ausdehnen und es muss allen Beteiligten klar sein, dass die Beteiligung an einer Entscheidung nicht zwangsläufig heißt, dass eine Empfehlung unverändert übernommen wird.

Siehst du das Board als Gremium der WMF oder der gesamten Wikimedia Bewegung?

Eine der für mich überraschenden Erfahrungen ist, dass das Kuratorium von unterschiedlichen Personen und Organisationen unterschiedlich wahrgenommen und auch gefordert wird. Das war mir vorher einfach nicht bewusst. Persönlich sehe ich das Kuratorium in erster Linie als Aufsichtsgremium der Non-profit-Organisation WMF. Das heißt, es hat die Verantwortung für diese Organisation und deren Zielerreichung. Die allerdings ist eben nicht nur im Verantwortungsbereich der WMF sondern in erster Linie abhängig von denen, die unsere Projekte, egal ob Wikisource, Wikipedia oder Commons, mit Inhalten füllen. Das eine geht nicht ohne das andere. Es gibt verschwimmende Grenzen und so kommt es immer wieder vor, dass das Kuratorium angerufen wird, zum Beispiel um etwas gegen die Massenlöschungen auf Commons mit Bezug zum URAA zu tun, um den Beschluss zu Artikeln über lebende Personen auch um Fotos und andere Medien zu erweitern und vieles mehr.

Wir müssen also derzeit vor allem einen Weg finden, diese Doppelfunktion möglichst konfliktfrei auszufüllen. Das gelingt uns mal mehr und mal weniger gut. Ich bezweifle, dass der Versuch, beide Ebenen abzudecken, auf Dauer funktionieren kann, ohne auf der einen oder der anderen Seite Mängel akzeptieren zu müssen oder sich selbst zu zerreißen. Das liegt einfach daran, dass es unterschiedlicher Fähigkeiten, Interessen und Kenntnissen bedarf, eine Organisation mit 200 Mitarbeitern zu beaufsichtigen oder eine Führungsrolle in einer Community von Einzelpersonen und Organisationen übernehmen und mit ihnen die Richtlinien zu entwickeln, die für die Projekte und Organisationen von Belang sind. Ich habe das schon einmal angesprochen, der Gedanke, die beiden Bereiche zu trennen, ist aus meiner Sicht eine Diskussion wert.

Feb 262014
 

Und noch eins, jetzt kommt Teil 3 mit Fragen zum Thema Funds Disemmination Committee (FDC).

Warum ich das mache? Ich möchte für eine weitere Amtszeit des Kuratoriums der Wikimedia Foundation kandidieren und brauche dazu die Unterstützung mindestens einer Wikimedia-Organisation. Das Präsidium von Wikimedia Deutschland bat mich zur Vorbereitung seiner Entscheidung um die Beantwortung von Fragen aus unterschiedlichen Themenkomplexen.

Der FDC-Prozess

Wie wird der FDC-Prozess optimiert, dass es zukünftig zu einer besseren Einbindung der Chapter kommt?

Das Funds Dissemination Committee berät über die eingereichten Jahrespläne von (vorwiegend) regionalen Organisationen und erarbeitet Empfehlungen für das Kuratorium. Als der FDC-Prozess 2012 ins Leben gerufen wurde, war bereits sehr klar, dass er a) sich in einer Testphase bewähren muss und dass er b) mit dem Reiz des Neuen auch eine gewisse Wagnis verbunden ist. Niemand wusste, ob das überhaupt funktioniert, wieviel Aufwand damit verbunden ist und ob die unerprobten Prozesse sich in der Realität bewähren. Um das zu verfolgen, ist der Prozess von Beginn an von einer Beratungsgruppe begleitet worden, und die Entwicklung wird regelmäßig überprüft und dokumentiert. In den Jahresbericht 2012-2013 sind entsprechend viele Informationen unterschiedlicher Gruppen eingeflossen. Für die Weiterentwicklung des FDC ist 2014 das ausschlaggebende Jahr. Voraussichtlich im Mai wird die Beratungsgruppe einen wesentlichen Teil ihrer Aufgabe angehen, nämlich Verbesserungen und Änderungen vorzuschlagen und diese mit der Geschäftsführung der Wikimedia Foundation zu diskutieren. Das Kuratorium hat dann im weiteren Verlauf darüber zu entscheiden, ob der FDC-Prozess weitergeführt wird wie bisher oder ob er verändert oder gar abgeschafft wird.

Ich gehe davon aus, dass es Veränderungen geben wird, gerade von Wikimedia Deutschland gab es ja bereits fundierte Kritik, die wie ich vermute auch von der Beratungsgruppe aufgegriffen wird. In welcher Form das passiert, kann heute noch nicht gesagt werden. Es liegt eine große Verantwortung bei der Beratungsgruppe, deren Kompetenz und Erfahrung aber gute Voraussetzungen dafür sind, Kritikpunkte zu analysieren und Verbesserungen vorzuschlagen. Eine ebenso große Verantwortung liegt bei der WMF, dieses Input in die Entscheidung einfließen zu lassen.

In diesem Zusammenhang ist auch mein Votum gegen eine Kappung des Gesamtbudgets des FDC zu verstehen. Ich halte nichts davon Lösungen zu implementieren, bevor nicht klar ist, was genau das Problem ist und ob es durch die Maßnahme überhaupt behoben werden kann. Und selbst als Signal eignet sich die Entscheidung nicht, denn Wachstum ist meiner Meinung nach nicht per se schlecht, es sollte allerdings gut begründet sein. Dennoch kann ich die Entscheidung des Kuratoriums gut mittragen, denn zum einen ist sie zeitlich beschränkt, zum anderen ist auch das ein möglicher Teil der Evaluation.

Siehst Du den FDC-Ansatz als gescheitert an?

Ich sehe den FDC-Prozess vor allem als Prozess in Progress. Was wir heute sehen ist Version 1.0.x. Bislang gab es kleinere Anpassungen, aber größtenteils entspricht der Prozess noch dem Rahmen der 2012 entwickelt wurde. Und ich bin froh, dass das so ist und zunächst ein ausreichend großer Erfahrungszeitraum geschaffen wurde, der nun evaluiert wird. Aus dieser Evaluation werden voraussichtlich Veränderungen erwachsen, vielleicht eine Version 2.0. Und das finde ich gut. Ein Prozess, der in der letzten Runde im Herbst 2013 an 11 regionale Wikimedia Organisationen insgesamt 4.432.000 $ vergibt, kann ich nicht als gescheitert ansehen. Insbesondere nicht, da diese Mittel mit der Überzeugung vergeben wurden,  dass sie sinnvoll für die Projekte und die Community verwendet werden, um Freies Wissen zu fördern und weiter zu verbreiten. Würden sie nicht so verwendet, das wäre Scheitern.